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bogevischs buero
948

Ehemalige amerikanische Siedlung Neuherberg-/ Rockerfellerstraße

2025
1. Preis
Auslober: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)

Mitarbeit: Sarah Shah, Lea Schön, Eduarda Poubel, Lina Sandjohann, Linda Eiermann, Handskizzen: Johannes Prünte, Visualisierung: Hadaimages

Landschaftsarchitektur: grabner huber lippp landschaftsarchitekten und stadtplaner mbb

Tragwerk: Dr.-Ing. Rudolf Findeiß Sailer Stephan Tragwerkteam München GmbH

Brandschutz: Michael Rieder, K33 Riedner Wagner Gerhardinger Architekten PartGmbB

 

Städtebauliche Idee

Das Amerikaner-Quartier an der Neuherbergstraße ist in München ‚fast‘ einmalig.

Trotz des autogerechten Städtebaus und der einfachen, sich widerholenden, Häuser ist das Quartier über die Jahre zu einem wunderbaren grünen Quartier gewachsen. Die Häuser und Ihre Anordnung sind absolut sekundär. Bäume und gemeinsam zu nutzende Freiflächen dominieren die Wahrnehmung.

 

Hier nach zu Verdichten und den Genius Loci dieses Ortes zu erhalten kann nur mit feiner Klinge passieren.

Wir haben uns dafür entschlossen, den Ort in der vorhandenen Struktur zu wahren und weiterzubauen. Dazu haben wir folgende Maßnahmen ergriffen:

 

01

Maximaler Baumerhalt durch Bauen auf bestehenden Baufeldern mit eingerückten Kellern und baulichen Rettungswegen.

 

02

Erstellung von ortspezifischen Bautypologien, die A berücksichtigen und die auf Lage und Ausrichtung zugeschnitten sind.

 

03

Erhalt der Wohnbauten die in die Schallschutzzonen reinragen zur Verbesserung der CO2 Gesamtbilanz (geringe Eingriffe in den Bestand machen die Nachnutzung wirtschaftlich)

 

04

Verzicht auf dezentrale Tiefgaragen (in der Zielvariante) durch Erstellung zweier Parkhäuser und Erreichung eines Stellplatzschlüssels von 0,5  (Optionale Planung von weiteren zentralen Parktiefgaragen um das formell geforderte Ziel von 0,8 zu erreichen)

 

Umsetzung

Es werden 676 (Wohngeschossfläche/95) bzw. 942 (tatsächliche) zusätzliche Wohnungen geschaffen. Dank der Nutzung der bestehenden Baufelder in Verbindung mit der Erstellung von baulichen Rettungswegen und einer Konstruktion mit einem sehr hohen Vorfertigungsgrad werden nur wenige Bäume der Neubebauung zum Opfer fallen.

 

Für die Neubebauung haben wir 4 grundsätzlich verschiedenen Typologien entwickelt, welche dann wieder und wieder eingesetzt werden können.

 

Neubautypen

Typ A im Norden, der in der obersten beiden Geschossen 2 Treppenhäuser mit einem Gang verbindet – Ost-West Typologie.

 

Typ B2 im Nordosten und auf der Westflanke, bei welchem ein Standardwohnbautypus B1 als Dreispänner mit einem Sicherheitstreppenraum kombiniert wird. (der hier gezeigte Typ – mit Sicherheitsloggia - wurde mit einem Brandschutzberater und einem Brandschutzsachverständigen abgestimmt!)

 

Typ B1 im Süden, wo im Unterschied zu den vorherigen Lösungen mit der Drehleiter angeleitert, werden kann.

 

Typ C, welches im schlanken Bauraum - bei Südorientierung – fast alle Bäume im Umfeld erhält und ein kommunikationsförderndes Erschließungselement mit 2 Rettungswegen bietet und

 

Bestand

Dort wo Bestandsgebäude ganz oder zum Teil in die Schallschutzzone ragen, schlagen wir vor den Bestand komplett zu erhalten und nur geringfügig zu adaptieren.

Dabei muss die Sanierung ggfls. an die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden – außerhalb der Schallschutzzone und innerhalb.

Ziel ist es überall wie folgt zu agieren:

Dämmung der Gebäudehülle, Einbau von jeweils einem zusätzlichen Schlafzimmer im Essbereich der Wohnzimmer (bei Neuvermietungen) Anbau von Balkonen, Ausbau der Dächer unter Erhalt von 2 baulichen Rettungswegen (siehe Plan). So kann auch hier auf zusätzliche Rettungswege für die Feuerwehr verzichtet werden.

 

Parken

Tiefgaragen sind teuer und sind nur mit massivem Eingriff in den Baumbestand umsetzbar.

Wir schlagen vor einen Stellplatzschlüssel von 0,5 mit 2 Parkhäusern zu erreichen. Mit zusätzlichen wenigen Tiefgaragen – dargestellt im Plan – erreicht man die im Wettbewerb geforderte Stellplatzzahl von 0,8. Man sollte versuchen, diese in der Umsetzung zu vermeiden.

 

 

Dichte

Trotz der gewünschten Dichte ergibt sich ein sehr gutes Frei- und Grünflächengerüst mit gut nutzbaren und in Bauabschnitten entwickelbaren Baufeldern. Alle Baufelder sind an den öffentlichen Raum angedockt.

 

Öffentlicher raum

Zwischen den Baufeldern entsteht eine klare, öffentlich gewidmete Fuß- und Rad-Durchwegung in Nord-Südrichtung, der Grünzug!

 

Nutzungsmix

Rund um den Quartiersplatz sind im Erdgeschoss öffentliche Nutzungen wie Gewerbe und Gastronomie sowie eine Tagespflege mit Seniorenwohnen im Obergeschoss angesiedelt.

An dem etwas privateren Nachbarschaftsplatz Im Norden sind im Erdgeschoss gemeinschaftliche Nutzungen für die Bewohner:innen vorgesehen. Der Platz wird von der Quartiersgarage mit Mobility Hub im Erdgeschoss und einer Eisdiele nebst Repaircafe gerahmt.

Die beiden Kitas sind mit Ihren Freiflächen so situiert, dass die Durchwegung des Quartiers geringstmöglich gestört wird. Über den Kitas und an anderen Stellen, an denen die Brandrettung zu einer hohen Qualitätsminderung der Höfe führen würde, schlagen wir vor mit einer Erschließungstypologie wie dem Laubengang zu reagieren.

In der Umsetzung schlagen wir vor, das stadträumliche Gerüst an den vorgeschlagenen Orten mit gezielt gesetzten gemeinschaftsfördernden EG-Nutzungen zu füllen, um die Räume entsprechend zu kodieren.

 

Mobilität

Im Norden und Süden des Quartiers befinden sich die Quartiersgaragen. Über die Quartiersgaragenzufahrt Süd ist auch eine Tiefgarage erreichbar, sie sich unter den Stadtplatz erstreckt.  erstreckt. So kann das Quartier nahezu frei werden in beiden Mobility-Hubs in der Quartiersgarage und in weiteren, dezentralen Mobilitätsstationen angeboten. Hier befinden sich auch die Paketstationen.

Fahrradstellplätze und andere nachhaltige Mobilitätsangebote werden dezentral in den Erdgeschossen und den Mobilitätshubs angeboten

 

Bauabschnitte

Die Baufelder sind vielfach teilbar, die Nachverdichtung kann in Stufen erfolgen. Dank des Erhalts der Grundstruktur des Quartiers entsteht auch bei einer langsamen Umsetzung nie ein unfertiger Zwischenzustand.

 

Brandrettung

Fast alle Gebäude sind mit einem zweiten baulichen Rettungsweg oder einem Sicherheitstreppenhaus ausgestattet oder sind per Steckleiter erreichbar.

Nur im Süden wird beim Punkthaus mit der Drehleiter angeleitert.

Die Höfe und sie stark bewachsenen Gebäude-Fugen bleiben frei von Fahrspuren für die Feuerwehr.

Über ein differenziertes Netz wird die Feuerwehr in der Regel bis auf 50m – in Einzelfällen bis auf 70m an die Treppenhäuser der Häuser herangeführt, um von dort den Löschangriff zu starten.

Die Überschreitung der 50m auf bis zu 70m ist in dieser Bestandssituation mit einem Brandschutzberater und einem Brandschutzsachverständigen abgestimmt!

 

Zukunftsfähiges und lebenswertes Stadtquartier

Das Stadtquartier ist als nachhaltiger und zukunftsfähiger Lebensraum konzipiert, der verschiedene Wohnformen, eine durchdachte städtebauliche Anbindung und ein soziales Angebot für Alle bietet. Soziale Treffpunkte und ein ansprechendes Quartierszentrum schaffen Raum für Begegnung und stärken die Gemeinschaft aller Altersgruppen. Die Architektur schafft spannende Grünbezüge und effiziente, ressourcenschonende Gebäude, die sich harmonisch in die Umgebung einfügen. Die ökologische Nachhaltigkeit ist ein Kernanliegen des Quartiers, um einen lebenswerten und klimaangepassten Raum für heutige und kommende Generationen zu schaffen. Das Quartier wird nahezu autofrei gestaltet, was eine hohe Lebensqualität fördert und sicherere, ruhigere Räume für die Bewohner schafft. Fußgängerfreundliche Wege, Fahrradinfrastruktur und kurze Wege zum öffentlichen Nahverkehr reduzieren die Abhängigkeit vom Auto, verringern gleichzeitig die Umweltbelastung durch Emissionen und Lärm, laden zur Interaktion ein und unterstützen eine nachhaltige Mobilität im Quartier.

 

Ressourcenschonende Bauweise und Nachnutzung von Baustoffen

Das Quartier verfolgt einen ressourcenschonenden Ansatz, indem es Materialien aus den Bestandsgebäuden wiederverwendet, um den ökologischen Fußabdruck zu verringern. So werden die Fundamente der neuen Gebäude überwiegend aus recyceltem Ortbeton hergestellt, und vorhandene Bauelemente werden, wo es technisch und gestalterisch möglich ist, wiederverwendet. Diese Vorgehensweise trägt dazu bei, wertvolle Rohstoffe zu schonen und den Energieaufwand sowie den CO₂-Ausstoß, der mit der Produktion neuer Baumaterialien verbunden ist, zu reduzieren.

Grundsätzlich sind die Spannweiten und die dargestellten Konstruktionsvorschläge so konzipiert, dass mit einer hohen Vorfertigungsrate, systemische Baukonstruktionen verwendet werden können.

Die Spannweiten sind aber auch so entwickelt, dass unterschiedlichste Konstruktionsarten zum Einsatz kommen können. Auch eine wirtschaftliche Umsetzung von Holz- oder Holzbetonverbundkonstruktionen ist hier vorgesehen und seriell kostengünstig umsetzbar.

 

Geringer Versiegelungsgrad

Durch einen niedrigeren Versiegelungsgrad im Vergleich zu typischen städtischen Gebieten entsteht eine offene, grüne Struktur, die das Quartier zu einem besonders attraktiven Lebensraum macht. Unvermeidbare Belagsflächen werden mit offenen Belägen gestaltet. So entstehen zugleich soziale Treffpunkte, die ein gesundes Mikroklima fördern.

 

Klimaangepasstes Stadtquartier

Das Quartier wird mit einem nachhaltigen Energiesystem ausgestattet. Der Fernwärmeanschluss sorgt für eine nachhaltige Beheizung der Gebäude und kann ggf. durch weitere nachhaltige Energiequellen ergänzt werden. Photovoltaikanlagen auf den Dächern erzeugen Energie. Alle Dächer der Neubauten sind mindestens extensiv begrünt.

 

Freiraum

Ausgehend von den vorhandenen Potentialen, insbesondere dem wertvollen Baumbestand und Grünstrukturen wird das Quartier weiterentwickelt. In Nord-Südrichtung durchquert der öffentliche Grünzug das Quartier und bildet das Herzstück des Entwurfs. Eine naturnahe Gestaltung mit unterschiedlichen Wiesenstrukturen, kleinen Spielinseln, die sich sensibel in den Bestand einfügen und Retentionsmulden prägen den Raum. Durch eine abwechslungsreiche und artenreiche Vegetation wird nicht nur ein optischer – sondern auch ein ökologischer Mehrwert geschaffen. 

Die privaten Freiflächen zonieren sich in eine Pufferzone um die Gebäude, welche mit unterschiedlichen Stauden- und Sträuchern bepflanzt werden, um den Bewohnern eine ausreichende Privatheit zu garantieren und eine halböffentliche Fläche zwischen den Zeilen. Durch die Konzentrierung von Erschließungs- und Aufenthaltsflächen entstehen neue Treffpunkte und Spielinseln in der Nachbarschaft, die sich sensibel in den Bestand einfügen. 

Im Konzept kommen verschiedene Maßnahmen zum Baumschutz zum Einsatz: durch die mäandrierende Wegeführung kann auf den Baumbestand reagiert werden und dieser in großen Teilen erhalten werden. Die neuen Wege orientieren sich dabei an den bestehenden versiegelten Flächen, um den Wurzelbereich zu schonen. Auch bei der Gründungskonzeption ist das Ziel der maximale Erhalt des bestehenden Baumbestands. Die UG-Außenwände werden im Schnitt zurückversetzt geplant, um mit einer Böschung im 45 Grad Winkel den Wurzelbereich nicht zu beeinflussen.

Im UG werden dann wirtschaftlich herzustellende Einzel- und Streifenfundamente eingesetzt.

Nach Erstellung der Decke über UG wird sofort hinterfüllt und verdichtet, so dass die höher liegenden erdgeschossigen Streifenfundamente der Außenwände lediglich frostsicher eingegraben sind.

Die Bodenplatten können bei dieser Vorgehensweise nichttragend, betonsparend und nur minimal bewehrt ausgeführt werden.

Ergänzende Neupflanzungen und die Nutzung des Regenwassers tragen außerdem zur Verbesserung des Mikroklimas bei. Mulden außerhalb der Bestandsbäume dienen der Retention für Normal- und Starkregenereignisse ebenso wie Baumrigolen bei Neupflanzungen auf den Plätzen. Abgebrochenen Materialen werden recycelt: Beton und Abbruchmaterial kommt in den Tragschichten zum Einsatz und wird zur Abmagerung des Oberbodens verwendet.

 

Konstruktion

Die klar strukturierten Wohnungsgrundrisse ermöglichen einen einfachen und wirtschaftlichen Holzhybridbau. Die Decken sind bei den üblichen Spannweiten des Wohnungsbaus in Holzbauweise mit CLT-Platten geplant. Sie bieten eine unterseitige Holzoptik und werden für die Schallschutzanforderungen oberseitig mit einer Schüttung ausgebildet. Sie werden entsprechend der Musterholzbaurichtlinie für den Brandfall bemessen (unterseitiger Abbrand). Als Linienlager dienen die Außenwände und Teile der Innenwände, insbesondere die Wohnungstrennwände. Dort erfolgt eine Schallschutzentkopplung. Die Decken werden als Scheiben ausgebildet, so dass sie in Verbindung mit den Treppenhauskernen in Stahlbetonbauweise die Gebäudeaussteifung übernehmen. Die Decke über UG wird zur Durchleitung des Erddrucks und aus Gründen des Brandschutzes in Stahlbeton ausgebildet. Die Außenwände sind tragende Holzrahmenbauwände.

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